Alles hat seine Zeit – oder nur aus Fehlern wird man klug

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Bin ich froh, dass ich schon auf fast 40 Jahre Pferdeerfahrung zurückblicken kann. Ich möchte heute nicht mehr anfangen zu reiten….

Bereits der 2. Kurs nach Linda Tellington-Jones, 1999

Genau diese Aussage in einem Telefonat mit Jeannette Aretz, hat sie anscheinend dazu inspiriert einen Blogartikel zu schreiben.

Und mich beschäftigt es im geschäftlichen Leben immer mehr. Gerade hatte ich wieder ein sehr langes Telefonat mit einer sehr inspirierenden Person. Wir entspringen in etwa alle der gleichen Generation und blicken auf einiges an Erfahrung zurück. Wir stellen mit Entsetzen fest, dass alles immer dogmatischer und zugleich auch aggressiver wird. Jeder will Recht haben und nur das Beste für sein Pferd, darin sind sie sich einig, aber im Rest????

Da ist gebisslos das Non-Plus-Ultra und barhuf muss sowieso sein. Und wer sein Pferd in eine Box einsperrt ist ein Tierquäler. Für die andere Fraktion ist man Strickwedler, „Armes-Pferd-muss-draußen-im-Matsch-stehen“-Fanatiker und Hobby-Pferdepsychologe. Auch nicht besser.

Und das Wort Druck nimmt Dimensionen an, puh, das darf man nicht mehr erwähnen, heute werfen wir nur noch rosa Wattebällchen. Aber die Frage nach was ist Druck, würde den Rahmen hier sprengen. Druck fängt bei mir schon da an, wo ich hörbar einatme, aber ganz ohne Druck wird ein Pferd unter Umständen lebensgefährlich. Soviel dazu.

Die Zeiten ändern sich – langsam – sehr langsam

Turnier 1986

Wie ich angefangen habe zu reiten, gab es wohl auch gerade noch vereinzelt Ständerhaltung, davon sind wir heute Gott sei Dank meilenweit entfernt. Aber alles braucht eben auch seine Zeit! Es war üblich Pferde in Boxen zu halten und eine Stunde zu reiten oder eine halbe Stunde zu longieren. Ab und zu durfte das Pferd mal auf die Koppel, für 28 Pferde gab es 2-3 „Weiden“, die waren in etwa 20 m x 40 m groß. Der Kampf mit dem Pferd dort hin zu kommen war meist chaotisch, da jedes Pferd wußte um was es ging und auf dem Weg dort hin kaum zu händeln war. Ein Pferd das geritten wurde, mußte auch beschlagen sein, anders ging das gar nicht, so die Meinung.

Als ich 1994 mit meinem Turnierpferd auf meinen ersten Linda Tellington-Jones Kurs fuhr, haben sie mich im Stall für bekloppt gehalten. Jetzt lernt die Führen! Kann doch jeder. Und macht da so Massagegriffe. Tja, mein Pferd hat damals wohl das erste Mal verstanden, wie es die Füße setzen sollte bei den Seitengängen, vom Boden aus. Aber Absteigen in einer Reitstunde? Niemals.

Alles braucht seine Zeit!

Eine Freundin sagte mal zu mir: „Tina, wir fangen wenigstens an umzudenken und unsere Fehler zu überdenken, andere machen einfach so weiter wie bisher. War ja schon immer so!“

Man muß den Menschen Zeit lassen, sich von Altem zu lösen. Wenn wir dem anderen vorwerfen, was er alles falsch macht, wird sich nichts ändern. Wir müssen einfach aufzeigen, dass es auch anders geht und das manchmal auf subtile, unmerkliche Art. Da fällt dann auf, dass mein Pferd bei einem Gespräch einfach still steht und dabei entspannt die Umgebung beobachtet. Wird das öfter beobachtet, wird man auch mal angesprochen. „Ach die ist aber brav“, ja, da steckt aber „harte Arbeit“ drin, die auf Arbeit an mir selbst besteht und gegenseitigem Respekt.

Ah, das ist das Wort des Jahres 2017 in „Hessen lebt Respekt„. Man muss nicht einer Meinung sein, aber man muss den anderen als Menschen respektieren! Und das gilt auch in der Reiterei.

Natürlich bekommt man auch mal komische Fragen gestellt, zumindest empfindet man das so, weil es für einen mittlerweile so selbstverständlich geworden ist. „Wieviel Stunden am Tag übst Du das denn so?“ Es ging um ein paar Seitengänge im Schritt und Trab an der Hand, etwas Galopp auf dem Zirkel, vorwärts-rückwarts, Anhalten auf Ausatmen. Wenn dann die Antwort lautet „gar nicht, denn wenn mein Pferd verstanden hat, was ich von ihm will, dann schenkt es mir das einfach. Es ist nur Arbeit an mir selbst und Spaß auf beiden Seiten. Es ist ein konsequenter, respektvoller, fairer Umgang mit meinem Pferd.“ Dann bleiben die Menschen stehen und fangen an zu denken! Sie brauchen Zeit!

Ich würde mich freuen, wenn die Menschen wieder anfangen sich zuzuhören, nachfragen. Aber gerade in Zeiten von Facebook & Co traut sich keiner mehr zu fragen. Wie häufig kommt eine völlig überzogene, aggressive Antwort, auf eine einfache Frage. Seid friedlich zueinander. Nur durch fragen wird man klug! Nicht einfach dem nächsten Guru hinterherrennen und alles für das Non-Plus-Ultra halten. Nachfragen, denken, sich Zeit lassen!

Im Sinne der Pferde

Nur wenn man miteinander redet ohne gleich die andere Meinung zu verteufeln, wird sich etwas ändern. Wir können alle voneinander lernen, wir müssen uns nur miteinander beschäftigen, hinterfragen, reflektieren und nicht gegenseitig ablehnen.

Und manchmal wünsche auch ich mir wieder ein Boxenpferd mit Reithallenanschluß. Ein sauberes Pferd rausholen, putzen, den Sattel aus der beheizten Sattelkammer holen und reiten! Einfach so zum Spaß, egal ob dressurmässige Arbeit alleine für uns oder einen entspannten Ausritt. Aber so weit werde ich es meinem Pferd zuliebe wohl nicht mehr kommen lassen.

Aber alles hatte seine Zeit und bekanntlich lernt man aus Fehlern!

Zu uns, unsere Pferde stehen seit über 10 Jahren auch 24h draußen, laufen barhuf und werden z.T. gebisslos geritten. Weil wir nach rechts und links schauen, immer weiter lernen, aber gleichzeitig nicht jedem Trend hinter her jagen. Aber ich brauche für die Dressurreiterei ein Gebiss. Und die Dressurreiterei ist für mich Mittel zum Zweck, ich möchte mein Pferd gesund erhalten und es gymnastizieren. Und für die Gymnastik setze ich auch so blau-gelb-Gedöns ein, weil ich selbst erfahren konnte, dass es meinem Pferd was bringt, obwohl es das ganz furchtbar doof findet. Aber ich mache auch nicht gerne Zirkeltraining, obwohl ich weiß, dass es mir was bringt.

Und es gibt in allen „Lagern“ so viel, was einen weiter bringt, aber auch einiges, auf das man einfach verzichten kann!

6 Kommentare

  1. Sehr schön! Und wie wahr, vor allem das mit der aggressiven Antwort…
    Da wagte ich es doch, unter ein Video in Englischer Sprache zu schreiben, dass für einen Nicht-Muttersprachler ein Untertitel toll wäre. Und wurde vom Ersteller als Unwissend, als Troll, als Besserwisser beschimpft und ich sollte doch eh nicht davon ausgehen, dass es wichtig wäre was ich weiß, ich würde schließlich niemals so vielen Pferden helfen wie die angehenden Tierärzte, für die dieses Video während einer Vorlesung entstanden sei.
    Und das von jemandem, der Einfühlsamkeit und Rücksicht und Verständnis mit Pferden predigt.

  2. Liebe Levke,
    vielen Dank für Deinen netten Kommentar. Ja hinter der Anonymität des Netzes lässt es sich schön verstecken.
    Wir haben ganz viele tolle Kunden, aber manchmal bekommt man Mails, da denkt man nur noch: „Huch, was habe ich verbrochen“
    Würde man auch am Telefon so auffahren? Wir wollen doch eigentlich alle nur in Frieden leben. Und Neugierde befriedigt man eben durch nachfragen 😉 und das muß immer erlaubt sein.
    VG
    Tina

  3. Hallo Tina,
    mach auf jeden Fall so weiter und lass dich nicht davon abbringen.
    Es ist toll, wie du es machst.

    LG. Tina

  4. Hallo,
    Ein super Artikel. Hammer!
    Und die Wahrheit.
    Ich bin auch auf diesem Weg seit 3 Jahren und es hat mich und meinen isi nur weiter gebracht er ist ein Traum
    Diesen Respekt musste ich mir Knall hart erarbeiten. Jetzt sind wir ein Team das mit vertrauen und Respekt aufgebaut wurde und vor allem mit zuhören Und kommunizieren ☺️

    • Hallo Tatjana,
      vielen Dank! Bin selbst überwältigt, welchen Nerv ich da getroffen habe 😉
      Freut mich, dass Du auch so arbeitest und wenn jetzt alle Menschen so mit ihren Pferden arbeiten und das dann noch auf das menschliche Miteinander übertragen, wird die Welt wieder ein Stückchen besser.
      Liebe Grüße
      Tina

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