Für was braucht man auch ein Pferd?

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Genau diese Frage wurde einer Freundin von einem Nicht-Reiter gestellt.

Auslöser war ein Gespräch über den Coronavirus und die Frage was passiert mit meinen Pferden? Was ist, wenn eine Ausgangssperre verhängt wird? Wer kümmert sich um  meine Pferde?

Sie ist Selbstversorgerin mit einem kleinen Offenstall und 2 Pferden. Stall ohne fließend Wasser, ohne Stromanschluss. Pferde werden täglich gemistet, gefüttert, bewegt. Das immer wieder ran zu schaffende Heu wird mühsam in Netze gestopft und gewässert uvm. Kurzum, dafür findet man nicht mal eben jemand, der einem das nebenher mit erledigt.
Die Antwort dazu fiel ernüchternd aus: Wer braucht schon ein Pferd? Pferde sind Nutztiere, jetzt wäre genau die Zeit, mal darüber nachzudenken, ob man sich so etwas antun muss?

Muß man sich das antun?

Sonntagmorgen, 15.03.2020 um 12.30 Uhr, mitten in Hessen, bei strahlendem Sonnenschein! Stehe ich eine Stunde mit meinem Pferd beim Angrasen und denke darüber nach…..

Tja, für was brauchen wir unsere Pferde? Corona entschleunigt unfreiwillig und regt zum Nachdenken an. Dieses Gespräch fand vor meinem Besuch bei meinem Pferd statt. Dank Corona stand ich erst mal 30 Minuten am Zaun und telefonierte wegen organisatorischen Dingen. Diese Zeit nutzte mein Pferd, um sich einmal richtig schön im Matsch zu wälzen. So, damit war für uns das Reiten heute gestorben. Das Pferd war nun nicht mehr nur dreckig, sondern auch noch nass! Also entschied ich mich für eine Runde grasen. War wohl von meinem Pferd auch so beabsichtigt.

Während ich da so stand, mit dem Strick in der Hand, dachte ich immer mal wieder über den Satz nach, für was brauche ich ein Pferd?

Dabei kommt mir irgendwann in den Sinn, wer steht schon 1 Stunde lang mit einem Strick in der Hand, mitten in der Pampa, genießt die Aussicht und lauscht der Stille?

Mal ganz ehrlich, wer bleibt beim spazieren gehen wirklich lange stehen und hört und schaut einfach nur hin? Die meisten von uns sind bei einem Spaziergang doch wohl eher mehr oder weniger stramm unterwegs. Beziehungsweise, sieht es nicht einfach komisch aus, wenn man 1 Stunde lang mehr oder weniger an der gleichen Stelle steht und einfach auf den ersten Blick NICHTS macht?

Erinnert ein bisschen an Loriot, ich mache nichts, ich sitze hier.

Für was braucht ihr euer Pferd?

Ich hatte genau diesen Satz, bzw. diese beiden Sätze, in meinem WhatsApp Status stehen. Dabei ein Bild von einem völlig verdreckten Pferd, was auch noch aus sah, als hätte es ein Kopfstand im Matsch gemacht. („Für was braucht man ein Pferd? Wer sonst steht eine Stunde mit einem Strick in der Hand in der Pampa und lauscht der Stille und genießt die Aussicht?“)

Antwort einer Freundin: Seelenbalsam .

Können das nur Reiter verstehen?

Ich sitze seit 40 Jahren auf dem Pferd. Pferde gehören zu meinem Leben. Ein Leben ohne Pferd ist für mich schwer vorstellbar, wäre aber sicher auch machbar. Was würde man mit der ganzen Zeit anfangen, die man plötzlich hat? Stellt ihr euch auch manchmal die Frage, für was mache ich das?

Meine Pferde stehen seit 14 Jahren mehr oder weniger in Eigenregie. Das ist meist mehr Arbeit als Vergnügen. Alleine im letzten Jahr habe ich maximal zehn mal auf meinem Pferd gesessen. War aber mit Sicherheit mehr als 350 mal im ganzen Jahr da. 

Was bringt mir ein Pferd?

In den letzten 34 Jahren hatte ich drei eigene Pferde. Wenn ich mir jetzt überlege, welches Pferd für welche Eigenschaften steht oder welche Eigenschaften hat die Pferdehaltung mich gelehrt? Habt ihr euch das schon mal gefragt? Hat euch das als Mensch geformt?

Ich habe früh gelernt Verantwortung zu übernehmen. Ich mußte dafür arbeiten, dass ich mir das Reiten und ein eigenes Pferd leisten konnte. Mein erstes Pferd war oft nicht reitbar, trotzdem hieß es dafür zu sorgen, sich zu kümmern, da zu sein. Da kann man nicht einfach mal keine Lust haben. Man macht häufig Abstriche in anderen Freizeitaktivitäten und stößt häufig auf Unverständnis.

Mit den Jahren kommen dann noch andere Eigenschaften dazu. Das zweite eigene Pferd lehrte mich einmal mehr Durchhaltevermögen, Umdenken und Kompromisse schließen. Das jetzige und somit dritte Pferd lehrt mich immer wieder in Geduld, Fairness, Konsequenz,  Selbstreflektion, Körpersprache und Authentizität.

Dafür habe ich ein Pferd!

An diesem Sonntag, Mitte März 2020, alles diskutiert über Corona, stehe ich an einem Ort, der einem Urlaub gleich kommt. Strahlend blauer Himmel, eine bombastische Aussicht und wäre da kein Windrad, würde man nur Menschen und Tiere hören. Ansonsten ist es sehr still. Während der 1 Stunde angrasen, sehe ich einen Flieger in Frankfurt starten und ein Flugzeug ganz weit über mir, ansonsten ist es erstaunlich ruhig.(Nicht nur) dafür braucht man ein Pferd!

Wie seht ihr das? Ich bin gespannt auf eure Kommentare!

Vielen Dank an JW für diese Inspiration 

P.S. Und ich stehe alleine mit meinem Pferd dort! Ich meide Menschenmassen, halte Abstand, wasche mir ständig die Hände, horte kein Klopapier und Handseife. Denke an kranke und alte Mitmenschen. Und wer noch mehr über die Corona-Einschränkungen und Pferde nachlesen möchte, liest unter anderem auch bei A LIFE WITH HORSES weiter.

Bleibt gesund!

Auch andere Menschen der Reiter- / Pferdewelt machen sich so ihre Gedanken zu Corona

16 Kommentare

  1. Super Artikel. Ich sehe das ganz genau so und stellte mir auch schon diese Frage

  2. Sprichst mir aus der Seele danke dafür

  3. Zum Reiten 😉 zu dem kommt Seele baumeln lassen, Natur genießen. Leicht unfreiwillig kommt Reflexionsgabe, Durchhaltevermögen, Kraft, Verantwortung usw. Dazu. Ich kann nicht ohne Pferd sein, zu allem Stress, und den nassen Sachen, den Rechnungen usw. kommt einfach so viel Frieden – !

  4. so isses, man ist einfach geerdet

  5. Ganz toller Beitrag.Ueberall Hektik,all die Jahr,noch mehr arbeiten,aber mein Pferd holt mich zurück zu mir selbst.Ich lerne Atmen,im Augenblick zu Leben,lerne mit meinem Pferd die Pferdesprache und freue mich ab jedem noch so kleinen Erfolg,wenn es auch schon 4x retour ging während 4Jahren.Wer bleibt heute noch dran…?Gibt die Hoffnung nicht auf?Wer hält noch durch ,ohne Provit daraus zu ziehen?Es ist doch wichtig sich wieder zu erden und deine rettende Insel im Leben zu haben.Allen Pferdebesitzer viele tolle Stunden mit ihren Pferden und bleibt gesund.

  6. Ich würde mich eher fragen, für was man einen Menschen braucht.

  7. Sehr schön geschrieben.

    Ja, wozu braucht man denn ein „Hobby“? Zum runter kommen, mal andere Gedanken denken, sich auf etwas (das Pferd) anderes konzentrieren.

    Der Nicht-Reiter braucht sicherlich auch irgendwas. Seine oder ihre Grillabende, ein Bierchen zum Feierabend, regelmäßiges Treffen der Freunde, sammelt vll irgendwas (da stell ICH mir immer die Frage was das ganze soll, ausser dass es Platz und Geld weg nimmt. BRAUCH man das unbedingt? – kann man da auch fragen)

    Und was die feine Person nicht weiß, dass man laut Tierschutzgesetz sein Tier zu pflegen/füttern hat. Das gilt auch in Zeiten der Ausgangssperre, nur dass man sich halt nur ums wesentliche kümmert und straight zurück nach Hause geht sobald zB das Pferd versorgt ist.

  8. Solche Aussagen sind leider keine Seltenheit.
    Und auch unter Hundehaltern wahrscheinlich nicht unbekannt.

    Wenn man sich statt über die letzte schicke Karibik-Kreuzfahrt oder die 5. total angesagte Flugreise „nur“ über Wochenendausflüge in die nähere Umgebung unterhalten kann/will oder erzählt, dass man sein Wochenende fast ausschließlich im Stall verbracht und dies oder jenes gemacht/repariert/neu gebaut/umgebaut usw hat.

    Da fallen nicht selten so Sätze, wie „warum du dir sowas antust – ja ICH würde mir das nicht aufhalsen“ oder „warum brauchst du auch ein Pferd /einen (mehrere) Hund(e) – MIR wäre das ja viel zu viel Einschränkung/Arbeit/Geld“.

    Wie reagiert man bei sowas am besten? Wie geht man mit solch einer Abwertung von außen um? Einfach ist es sicher nicht.

    Ich persönlich schwanke des öfteren zwischen „einfach ignorieren / das Thema so gut es geht vermeiden“ (was sehr schade ist, weil der Personenkreis, mit dem man sich frei und offen über seine Leidenschaft unterhalten kann, bisweilen drastisch zusammenschrumpft) und „gute Lust haben, demjenigen die Ignoranz aus dem Kopf zu hämmern“ (ja – Gewalt ist keine Lösung, wissen wir alle).

    Im Endeffekt entscheide ich mich doch für Variante 1 – mit der Gewissheit, meine Nerven geschont zu haben. Aber auch mit einer gewissen Genugtuung zu wissen, welche großartigen Erfahrungen, Erlebnisse, Entwicklungsmöglichkeiten genau solchen Ignoranten verwehrt bleiben.

    Für was braucht man auch ein Pferd? Ich persönlich „brauche“ mein Pferd, um glücklich und ich selbst zu sein

    • Danke für diesen schönen Kommentar!
      Wir haben uns auch dafür entschieden, Variante 2 aufzugeben, wenn auch weniger mit Gewalt, als mit dem Vorschlag sich mal darauf einzulassen. Also jetzt nicht gleich ein Pferd anschaffen und reiten lernen. Einfach mal hinsetzen, beobachten, fühlen. Denn auch das habe ich gelernt, sich einfach mal auf was einlassen, mal etwas ungewohntes auszuprobieren. Man kann nur dazu lernen und um Erfahrungen reicher werden. Und wenn es einem gar nichts bringt, weiß man es wenigstens genauer.
      Liebe Grüße
      Tina

  9. Mir geht es genau so: jeden Tag ein bisschen Urlaub. Ich stehe auch oft eine Stunde in der Pampa. Alleine mit meiner Maus und genieße es.

  10. Das ist Therapie und Entschleunigung, nicht nur das Reiten … !!! Meine Stute ist jetzt fast dreißig und seit einem Jahr in Rente! Zusammen mit meinem Mann versorge und pflege ich sie selbst. Das Reiten war für mich immer der absolute Ausgleich, man vergaß alles und konzentrierte sich nur noch darauf, miteinander zu verschmelzen! Ich vermisse das sehr aber auch der tägliche Kontakt, das Striegeln und wie sie wiehernd angerannt kommt, sobald sie mich sieht, da geht einem das Herz auf!

  11. Halli hallo. Du sprichst mir aus der Seele. Das hätte ich schreiben können. Ich hatte zwei Mal im Leben schwere Krisen. Und wenn ich da meine Pferde nicht gehabt hätte, wäre ich wahrscheinlich nicht mehr am Leben. Es ist das Verantwortungsgefühl, das ich für meine Pferde da sein muss weil sie sich ja nicht selbst versorgen können,was einen immer wieder antreibt. Dafür bekommt man so viel geschenkt. Unter Anderem, wie du schon schreibst, die Entschleunigung, wenn man beim Angrasen einfach nur dasteht, die Sonne und die Aussicht geniesst oder einen schönen Ausritt macht. In diesem Sinne…. DAZU BRAUCHT MAN EIN PFERD. Ich wünsche Dir noch viele schöne Stunden mit deinem Pferd. Liebe Grüße von Claudia

  12. Um abschalten zu können vom stressigen Alltag,Kraft tanken für den neuen Tag,um runter zu kommen wenn man gestresst ist, ich könnte soviel aufzählen ☺️
    Habe zwar erst seit eineinhalb Jahren ein eigenes pferd aber Pferde haben mich schon immer fasziniert und interessiert.
    Kein „Sportgerät“ sondern eine grundehrliche Freundin
    Bei den Pferden zu sein, tut der Seele so gut,

  13. Irgendwie komisch. Viele Leute fragen „wofür braucht man ein Pferd“ aber kaum einer „wofür eine Katze?“ oder „wofür einen Hund?“. Meine Katze weckt mich nachts regelmäßig, wenn sie keine Lust mehr hat, draußen zu sein. Dann darf ich die Treppe runter und Madame zur Haustür herein lassen. Und jeder kann sich vorstellen, wie viel Spaß es macht, hinter einem „undichten“ jungen Hund her zu wischen oder mit einem matschigen, womöglich langhaarigen Vierbeiner vom Waldspaziergang nach Hause (!) zu kommen. Gut, ein Pferd ist größer und macht entsprechend mehr Arbeit. Aber ansonsten ist es ein ziemlich praktisches Haustier. Es macht Zuhause nix dreckig (gut, die Klamotten vielleicht 😉 ) und im Normalfall hat man seine Ruhe, wenn im Stall alles fertig ist. Es frisst keine ekligen Sachen, kratzt nicht an den Möbeln, macht seine kleinen und großen Geschäfte nicht in der Wohnung, will nicht mit ins Bett und stört nicht die Nachbarn. Und trotzdem ist man viel an der frischen Luft bei Wind und Wetter und hat nebenbei noch ein prima Workout! Misten, Futtersäcke schleppen, Heuballen stapeln, Sattel aufs Pferd hieven … alles gut für die Figur und die Muckis!
    Also ich find ein Pferd zu haben ist eine sehr gute Sache!
    Das erzähl ich meiner Katze heute Nacht, wenn sie wieder rein will. Vielleicht drohe ich ihr einfach mal an, sie gegen ein zweites Pferd einzutauschen! 😉

    • Sehr schön geschrieben! Sehe ich übrigens sehr ähnlich, deswegen habe ich weder Hund noch Katze. Dafür bin ich zu ordentlich und käme mit dem putzen nicht mehr hinter her. Schaff ich so schon kaum. Nun ist ein Pferd auch noch deutlich teurer in der Unterhaltung. Und…. wird dann teilweise einfach doch noch als Nutztier – Fleischlieferant- gesehen.
      Gerade am letzten WE habe ich wieder über diesen Beitrag nachgedacht und könnte ihn weiter ergänzen! Dank der doch schrägen Zeiten, geniesse ich gerade im Moment so sehr die Ausritte ins Gelände. Und da kann mir keiner zunahe kommen 😉

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